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Plakat zur Ausstellung "Jo Enzweiler - Skulptur - Raum - Architektur", Galerie Grewenig-Nissen, Heidelberg-Handschuhsheim
Eröffnung der Ausstellung, von links Jo Enzweiler, Ingo Grewenig, Hans M. Schmidt
Ausstellungsansichten: Relief, Zeichnungen, Holz und Packstoff, bzw. Karton, Papier, teilweise Farbstift, verschiedene Maße
ohne Titel, 2008, Holz, Packstoff, Farbe, 40 x 80 x 4 cm
Zeichnungen, Objekte, Relief, jeweils Karton, Papier, teilweise Farbstift, bzw. Holz, Packstoff, verschiedene Maße
"Fossanova 1", 2005, Karton, Papier, Farbstift, 29,7 x 21 cm
ohne Titel, 2008, Holz, Packstoff, 30 x 30 x 12 cm und Konstellation, 2008, 3 Objekte, Holz, Packstoff, je 20 x 20 x 20 cm
ohne Titel, 2008, Konstellation 2 Objekte, Holz, Packstoff, je 20 x 20 x 20-24 cm
ohne Titel, 2005, Holz, Packstoff, 30 x 14 x 21-38 cm
Lieber Herr Enzweiler, liebe, verehrte Frau Dr. Kellermann, liebe Herren Grewenig und Dr. Nissen, meine sehr verehrten Damen und Herren!
Für die freundliche Einladung, heute Abend hier bei Ihnen sprechen zu dürfen, danke ich sehr. Ich betrachte es als eine besondere Ehre, bei dieser Wiedereröffnungsausstellung der Galerie Grewenig dabei zu sein. Und aus diesem Anlass eine neue bemerkenswerte Werkgruppe von Professor Jo Enzweiler vorstellen zu dürfen, verleiht der Veranstaltung zweifellos einen ganz besonderen Anreiz.
In der deutschen, ja man darf sagen europäischen Szene der konstruktiv-konkreten Kunst ist Enzweiler, der auch eine bemerkenswerte Lebensleistung als Hochschullehrer und Kunstvermittler auf verschiedenen Ebenen vorzuweisen hat, gewiss kein Unbekannter. Vorwiegend ist er durch seine strengen, gleichwohl intuitiven Collagen und systematischen Flächenarbeiten bekannt geworden. Dazu kommen die zahlreichen, auch außerhalb der saarländischen Heimatregion anzutreffenden, immer eigenwertigen und besonders beachtenswerten Arbeiten im öffentlichen Raum.
Im August /September zeigte er eine eindrucksvolle Ausstellung mit Teilen der neuen Werkgruppe "Skulptur – Raum – Architektur" in unserer Bonner Gesellschaft für Kunst und Gestaltung.
Von 2002 an setzte die neue Werkgruppe der Skulpturen ein, die wir nun teilweise hier sehen und deren intensiver Prozess bis heute anhält. Wir werden durch diese Ausstellung, die ergänzend auch Reliefs, Zeichnungen und Papierschnitte präsentiert, gewissermaßen einen Blick in das Atelier werfen dürfen. In die Werkstatt, die für Enzweiler der Ort des Suchens und Fragens, das Labor der Untersuchung ist.
Was uns hier sofort plausibel wird: Es geht diesem Künstler nicht um den einmalig großen Wurf, das gloriose Einzelwerk, sondern um den Prozess einer Annäherung in der Reihenbildung, um die Wiederholung und Modifikation ähnlicher Strukturen – wenn Sie so wollen "Thema und Variation", nicht nur spielerisch, sondern zielstrebig – zur Annäherung an etwas Überzeugendes, vielleicht etwas unverhofft Gültiges. Es ist ein Prozess der Nüchternheit und Beharrlichkeit, mit der er auf seine unprätentiöse Weise künstlerisch wohl "Gold" sucht, sicherlich nicht selten gutes "Porzellan" findet.
Die Modulationen von Licht und Schatten und die damit verknüpfte Erschließung räumlicher Wirkung sind die maßgeblichen Faktoren in seinen plastischen Arbeiten, in den Skulpturen und Reliefs.
Bekanntlich sprach der Maler, Zeichner und
Plastiker Max Beckmann vom dargestellten Raum als dem "Thron der Götter".
Der große spanische Bildhauer – oder sagen wir besser im umfassenden Sinne: Künstler – Eduardo Chillida (der ein Jahrzehnt älter als Enzweiler war) hat ein Leben lang dem Geheimnis des Raumes nachgespürt bzw. es anschaulich in seinen Werken zu vergegenwärtigen versucht. Manche seiner Skulpturen, ob das Haus für Goethe (1986) in Frankfurt oder das 1981 geschaffene Haus für Johann Sebastian Bach, dessen Musik Chillida wie eine Umsetzung seiner räumlichen Erfahrung vorkommt und an die er denken musste, als er die Hagia Sophia in Istanbul besuchte, erlauben in einem kühnen Brückenschlag eine Verbindung zu manchen Skulpturen von Enzweiler herzustellen.
In einer kongenialen Zusammenarbeit mit Martin Heidegger entstand 1969 die als Edition des Erker-Verlags St. Gallen herausgegebene Schrift "Die Kunst und der Raum", die Chillida mit 7 Lithocollagen
paraphrasierte bzw. kommentierte.
Die Wahrheit ist für Heidegger die „Unverborgenheit des Seins“ (vgl. R. Harprath, Kat. München 1990, S. 23). Für den Bildhauer ist Sein "räumliches Sein". "Mein ganzes Werk ist eine Entdeckungsreise im Raum." (Chillida, in: F. Mennekes, E. Ch., Kreuz und Raum, München 2001, S. 39) Der Philosoph sieht in Abgrenzung des künstlerischen vom naturwissenschaftlichen Raum in ersterem drei Erscheinungsweisen: den Raum in Bezug zu einem plastischen Gebilde, als Volumen und als Leere. Über den Begriff des "Räumens" (Ein-Räumen und Frei-Räumen) erschließt er sich den Wortsinn von Raum." Das Räumen erbringt das Freie, das Offene für ein Siedeln und Wohnen des Menschen."
Damit verknüpft sind für Heidegger Ort und Gegend. "Der Ort öffnet jeweils eine Gegend, indem er die Dinge auf das Zusammengehören in ihr versammelt:" Für Heidegger ist eine Brücke „ein Ding besonderer Art“. Am Beispiel der Heidelberger Brücke (wohl die Karl-Theodor-Brücke) exemplifiziert er wie eine bestimmte Stelle ein Ort wird. (Kat. Chillida im geistlichen Raum, Kunststation St. Peter Köln, 1993, S. 17)
Weite Felder der Kunst des vorigen Jahrhunderts, ob in Malerei, Plastik oder Architektur sind von einem dominanten Sog der Verräumlichung, der Verabsolutierung des energiegeladenen Raumes, bestimmt. Ob sich das zu Beginn des 21. Jahrhunderts geändert hat? Ist heute nicht alles mehr ins offene Gleiten und Fließen geraten, örtlich ungreifbar, das Ubiquitäre hat den faktischen Raum zersetz; wo sind noch wirkliche Konturen? Zumindest könnte man das auch aus dem Blickwinkel der Kunst glauben, wenn wir etwa die Gemälde – dies hier nur als beliebig heraus gegriffene Beispiele – eines Gerhard Richter oder die des zwei Generationen jüngeren Daniel Richter und manch anderer Künstlerinnen und Künstler betrachten. Ich will jetzt diese Thematik der Phänomenologie des künstlerischen Raumes hier nicht weiter vertiefen.
Für Jo Enzweiler, der sich viele Jahre mit seinen streng in der Fläche organisierten, unfigürlichen gelb-grauen Karton-Collagen beschäftigt hat, war die Suggestion eines aufscheinend Räumlichen (sogar mit der möglichen Anspielung auf Landschaftliches als Begleiterscheinung) ein willkommenes Moment bildhafter Steigerung. Zudem verlangten verschiedene seiner Arbeiten in Zusammenhang mit Architektur, als Arbeit im öffentlichen Raum, die Auseinandersetzung mit der spezifischen Qualität von Raum und Räumlichkeit.
Doch nun ist mit seinen seit 2002 entstehenden Skulpturen das Ereignis des realen Raumes als gestaltwirksamer Faktor quasi zum Programm geworden. Viele der Skulpturen könnte man sich in anderer Dimension als begehbare Bauten denken. Dabei gilt auch, was Albrecht Fabri (1952, S. 11) einmal festgestellt hat: "Die Plastik hat einen großen Verbündeten: die Zeit."
Wenn wir die Skulpturen im Umschreiten wahrnehmen (und sie sind hier bewusst frei aufgestellt, so dass man sie von allen Seiten wirklich sehen kann), erfahren wir Zeit, eine durch die Form, durch Licht und Schatten strukturierte Zeit. Es ist eine geradezu aufgefangene und auch angehaltene Zeit. Wir erfahren, lassen wir uns wirklich auf die Arbeiten ein "Zeit-Räume". Es sind Angebote des Künstlers – nicht zuletzt für das frei verfügbare Potential unserer Phantasie. Und vielleicht noch einen Schritt weiter gedacht, den wohl auch Chillida so zuließe, ist der Raum auch der große alles umschließende Zusammenhang des frei wehenden Atems, wenn man so will, auch das den Geist meinende Pneuma.
Im Vergleich zu Enzweilers meisten früheren Arbeiten, die die Dynamik des vagabundierenden Blicks geradezu auszulösen vermochten, mit diesen, wo ein tastendes Erkunden und allmähliches Erfassen vonnöten ist, ist der gravierende Unterschied unverkennbar. Geht es dem Künstler mit diesen Arbeiten aus der nun schon späteren Epoche seines Schaffens um eine energischere Art der Selbstvergewisserung, die genauere Beobachtung der Gegebenheiten des Daseins? Bezieht er damit eine ausdrückliche Position gegen alles allzu Flüchtige?
Bevor wir weiter spekulieren, wäre wichtiger: Wie sehen die Skulpturen und Reliefs tatsächlich aus?
Sie sind, und das ist das Bemerkenswerte, nicht ausgesprochen materialsichtig oder materialgerecht. Denn das strukturgebende Material ist Sperrholz, das mit Packpapier überzogen ist. So gewinnen die Skulpturen und Reliefs eine betont neutralen Charakter. Oder sagen wir besser: eine quasi entmaterialisierte Wirkung? Ganz im Vordergrund steht so ihre zumal geistige Formerscheinung. Im übrigen ist in Enzweilers Oeuvre seit langer Zeit das mit dem Gedanklichen, dem Geschriebenen usw. eng verbundene Papier der Basisstoff schlechthin. Aber auf eine andere Weise demonstrativ – nämlich näher am Material – als etwa in Erwin Heerichs Kartonplastiken. Doch ähnlich wie diese haben auch sie einen über sich selbst hinaus weisenden Modellcharakter. Von der apodiktischen Direktheit und Kargheit amerikanischer minimal art sind beide Künstler gleichermaßen entfernt. Wenn Heerich seine Pavillons als begehbare Skulpturen auf der Museumsinsel Hombroich schuf, so wären auch manche der Skulpturen von Enzweiler, wir vorhin gesagt, für eine entsprechende Übersetzung ins Gebaute denkbar. Der Titel der Ausstellung "Skulptur – Raum – Architektur" unterstreicht den transitorischen Aspekt.
Ein anderes wichtiges Element der Skulpturen und Reliefs soll nicht unerwähnt bleiben: es sind die als plastische Akzente in Erscheinung tretenden halbierten Rundstäbe. Bei den Architektur-Skulpturen sind sie in unterschiedlichen Stellungen zur Wand, vertikal, diagonal, als Abschluss, Intervall, überleitend, als Halbsäulen zu interpretieren. Sie sind ebenfalls mit Packpapier kaschiert und somit angeglichen oder kontrastierend und akzentuierend durch einen weißen Lackanstrich. Dass der Künstler gute frühe romanische Bauten schätzt, wo wir das spannungsvolle Gefüge von Wand und Halbsäule kennen – denken wir z.B. nur an Maria Laach oder Speyer – kommt hier vielleicht als ein Moment der Erinnerung ins Spiel. Ein anderes derartiges Moment, das – ohne jegliche Art historisierender Allüre – an Ägypten denken lässt, etwa an den frühen Tempelbezirk von König Djosser , lässt sich vermuten aufgrund scheintürenartiger Nischen, durch die Monumentalität pylonartiger Formen usw. Solche nun weit zurückliegenden Reiseerfahrungen, allgemeine Umsetzungen, doch keine Nachahmungen, würde der Künstler nicht von der Hand weisen.
Sie merken, meine Damen und Herren, trotz aller mehr oder weniger durchschaubarer Einfachheit befinden wir uns doch in einem komplexeren Gelände. Dazu gehört auch, das bei Enzweiler spannende Verhältnis des Realen zum Imaginären, wovon hier nur andeutungsweise gesprochen werden kann.
Bei den Skulpturen, Reliefs, Papierschnitten und Zeichnungen (drüben im Studio-Raum) werden Sie deutlich Typen, Gruppen und Reihen erkennen, die im Mit-, Nach- und Gegeneinander, als stets kontextuell zu lesen sind. Ich sprach vom Untersuchungscharakter dieser Kunst. Spürbar werden dabei nicht nur Rhythmus, Balance und prägnante Klarheit als unmissverständliches Hier und Jetzt – die Präsenz der künstlerischen Arbeit – sondern gerade auch durch diese Dichte der Ausstellung die Intensität der künstlerischen Herausforderung.
Manches wäre noch zu den Reliefs mit ihren eigentümlich tiefen Schnitten zu sagen, die wie vorgelegte schwarze Fäden erscheinen, zur geradezu lapidaren Schlichtheit der Papierschnitte, die eigentlich auch Reliefs sind, zu den ganz nüchternen Zeichnungen aus der freien, ruhigen Hand, ohne jede Art von Eitelkeit. Auch diese Haltung symptomatisch für das ganze Werk.
Lassen Sie mich mit einem Wort von Adorno schließen: "Was Natur vergebens möchte, vollbringen die Kunstwerke: sie schlagen die Augen auf."
Mag es uns im Gegenzug gelingen, ihren "Blick" aufzufangen.
Hans M. Schmidt
Rede anlässlich der Ausstellungseröffnung
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Galerie Grewenig - Nissen
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letzte Änderung: Montag, 10.11.2008