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Tanja Holzer-Scheer / Vera Kattler. Wechselbalg. Zeichnung, Malerei, Installation, Kuba Saarbrücken
Malerei von Vera Kattler
Vera Kattler, ohne Titel, 2011, Öl auf Papier, 30 x 40 cm
Vera Kattler, ohne Titel, 2011, Öl auf Leinwand, 90 x 100 cm
Vera Kattler, ohne Titel, 2011, Öl auf Papier, 30 x 40 cm
Installation von Tanja Holzer-Scheer
Tanja Holzer-Scheer, o. T., 2009, verschiedene Materialien u.a. Industriefilz, Kunststoff, Glas, Wolle, Papier, 56 x 17 x 9 cm
Tanja Holzer-Scheer, o. T., 2009, verschiedene Materialien u.a. Industriefilz, Kunststoff, Acryl, Stecknadeln, 24 x 7 x 5 cm
Tanja Holzer-Scheer, o. T., 2009, verschiedene Materialien u.a. Industriefilz, Papier, Gummi, Silikon, 30 x 18 x 4 cm
Auf den ersten Eindruck haben die künstlerischen Arbeiten von Tanja Holzer-Scheer und Vera Kattler wenig miteinander zu tun. Da sind auf der einen Seite die skurrilen, organisch anmutenden, im Raum schwebenden Objekte, mit denen uns Tanja Holzer-Scheer in eine phantastische Vorstellungswelt entführt, und auf der anderen Seite Vera Kattlers porträtierende Tierdarstellungen, die sich stärker an realen Vorbildern orientieren und diverse Ausdrucksformen des Animalischen erkunden. So verschieden die Arbeiten zunächst erscheinen, verbindet sie doch ein gemeinsames Interesse: die rege Auseinandersetzung mit dem Thema Natur.
Beide Künstlerinnen, die sich vom Studium an der HBKsaar her kennen, arbeiten bereits seit einigen Jahren in einem gemeinschaftlichen Atelier, seit 2011 hier im KuBa. Der regelmäßige und intensive Gedankenaustausch hat sich für beide als förderlich erwiesen. In der künstlerischen Gestaltung völlig unabhängig voneinander, befasst sich jede eingehend mit dem umfangreichen Themenkomplex Natur und Kreatur. Dabei setzen sich Vera Kattler und Tanja Holzer-Scheer sowohl mit faszinierenden wie auch beängstigenden Phänomenen des Lebendigen auseinander. Sie begnügen sich nicht mit der Wiedergabe anmutiger Gestalten, sondern artikulieren im Gegenteil immer auch biologische Aspekte, die latent Aversionen und Beklemmungen hervorrufen.
Der Titel "Wechselbalg" der aktuellen Ausstellung und der dazu erschienenen Publikation ist einer Serie von Kohlezeichnungen Vera Kattlers aus dem Jahr 2010 entlehnt. Sie hat für ihre Arbeiten öfter Titel gewählt, die die Problematik Missbildung , Verwandlung und Unbehagen dezidiert ansprechen, wie z.B. "Mausklumpen", "Wandelwesen", "drei wechselbälger" oder "das kleine monströse". Der Terminus "Wechselbalg" charakterisiert adäquat ihre kleinen, scheinbar harmlosen, oft rätselhaften Tierchen und kennzeichnet ebenso die vieldeutigen, chimärenartigen Geschöpfe von Tanja Holzer-Scheer. In seinem Ursprung geht der Begriff "Wechselbalg" vermutlich auf germanische und keltische Vorstellungen zurück und benennt ein gegen ein menschliches Kind ausgetauschtes dämonisches Wesen. Ihm wurden negative Eigenschaften und Abnormitäten zugeschrieben, die die Menschen ängstigten.
Die Bezeichnung "Wechselbalg" setzt sich zusammen aus den beiden Wortkomponenten "Wechsel" und "Balg", worunter man einen "Bengel" oder "Wildfang" versteht. Das Substantiv "Balg" findet sich im Verb "sich balgen" wieder, was so viel besagt wie "sich raufen", "miteinander ringen". Der Titel der Ausstellung impliziert durchaus auch diese Bedeutungsebene: Es ereignet sich im wahrsten Sinne des Wortes ein lebhafter Wechsel zwischen den Schöpfungen beider Künstlerinnen, der in der gesamten Installation als Spannungsverhältnis miterlebbar und nachvollziehbar ist.
Vera Kattler charakterisiert in ihren spontan entwickelten Bildern die kleinen Nager nicht als possierliche oder niedliche Tierchen, wie das im allgemeinen gern gesehen wird. Sie versteht sie vielmehr als "das kleine monströse", als teilweise deformierte und in einem Prozess der Metamorphose befindliche Kreaturen, die Beklommenheit auslösen und uns befremden. Unterschiedliche Merkmale des Tieres treten ins Bewusstsein, vom flauschigen Volumen des Fells über eine frappierende Intensität des Blicks bis hin zu Aggressivität und morbidem Zerfall. Indem sie den Bildgegenstand malerisch sehr frei interpretiert und Details oft nur andeutet, gelingt es ihr, ihre Bilder für mehrdeutige Interpretationen offen zu halten und dadurch das Geheimnis des Unbekannten zu wahren.
Bei Tanja Holzer-Scheer spiegelt die Vielfalt origineller Bilderfindungen auf künstlerischer Ebene den Artenreichtum natürlicher Lebensformen wieder. Doch auch hier ist das Fabelhafte mit dem Unheimlichen untrennbar verknüpft. Denn die Anmutung ihrer plastischen Figuren mutiert ständig zwischen phantastischen Lebewesen der Tier- und Pflanzenwelt, deren exotischer Reiz uns anzieht, und grotesk anmutenden organischen Gebilden – amputierte Organe etwa oder zerfranstes, haariges Gewebe- , die uns erschrecken und abstoßen. Interessant ist in ihren Arbeiten auch der Einsatz und die Kombination ungewöhnlicher Materialien, die sie mit kreativem Gespür zum Teil in alltäglichen Verpackungsgütern und Verbrauchsutensilien ausfindig macht.
Es ist nicht die Problematik des untergeschobenen Kindes, die Kattler und Holzer-Scheer am Thema "Wechselbalg" interessiert. Vielmehr bekunden ihre ambivalenten Bilder eine Affinität zu den dem Aberglauben entstammenden dunklen und mysteriösen Eigenarten von der Regel abweichender Kreaturen. Triebhaftigkeit, Deformationen und Modifikationen gehören zum Leben ebenso dazu wie makellose oder trotz ihrer Defizite allgemein akzeptierte Erscheinungsformen. Auch die vorgeburtliche Entwicklung aller Lebewesen sowie Prozesse der Evolution enthalten Phasen abstoßender Hässlichkeit. Dass Vera Kattler und Tanja Holzer-Scheer sich wagen, neben attraktiven auch abseitige, durchaus beunruhigende Faktoren unserer Existenz zu thematisieren, markiert den Anspruch ihrer Kunst.
Petra Wilhelmy
Zu Ausstellung erscheint ein Katalog:
Vera Kattler - das Kleine Monströse und Tanja Holzer-Scheer - Mutationen.
Mit Texten von Petra Wilhelmy. Saarbrücken 2011
letzte Änderung: Samstag, 17.12.2011