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"positioning"
Rede zur Eröffnung der Ausstellung anlässlich des 5jährigen Bestehens der K4 galerie, Saarbrücken, am 19. 10. 2007
Eine Galerie feiert ihren 5. Geburtstag - das lässt sich von verschiedenen Seiten betrachten.
Blickt man auf die Gesetzesmäßigkeiten des (Kunst-)marktes dann ließe es sich als gutes Zeichen lesen, welches auf Kontinuität und Erfolg deutet.
Das ist aber zu kurz gegriffen.
Zum einen ist unsere Zeit zu schnelllebig und unberechenbar, als dass Faustregeln über Zeiträume, in denen ein Unternehmen "über den Berg" ist, noch gelten könnten. Zum anderen lässt diese Sicht außer Acht, dass neben dem schnellen kommerziellen Erfolg etwas anderes gibt, das wichtiger, weil nachhaltiger ist und einem solchen (Kunst-)unternehmen Kraft zum Durchhalten gibt, zur Kontinuität, zur Entwicklung, zum Erfolg.
Dieses andere ist die Idee, die hinter dem Unternehmen "Galerie" steht, die Idee, die eine Galerie zu mehr macht, als zu einem Bilderverkaufladen.
Die Idee muss überzeugend sein und der, der sie hat, muss sie entsprechend entwickeln und umsetzen können.
"Die Idee, wo sie zum Leben durchdringt, gibt eine unermessliche Kraft und Stärke, und nur aus der Idee quillt Kraft" schreibt der Philosoph Johann Gottlieb Fichte. Dies wird den, der die Idee hat oder findet und sie umsetzt, den Galeristen Werner Deller, natürlich auszeichnen - das Jubiläum darf zum Beweis genommen werden - nur befriedigt das unsere Neugier nicht, die fragt: wie ist die Idee beschaffen, dass sie offensichtlich Erfolg und Dauer gewährleistet.
Einen nicht geringen Teil dieser Frage beantwortet diese Ausstellung, die einen entsprechenden Titel trägt: "positioning".
An diesem Titel ist zweierlei wichtig: einerseits ist er das Partizip Praesens zum englischen Verb "to position" deutet somit einen Prozess an, etwas, das im Fluss, in Bewegung, in Entwicklung ist; anderseits hat das englische Wort zwei Bedeutungen: "lokalisieren", "den Ort, den Entwicklungsstand bestimmen" - aber auch "in die richtige Lage bringen". Das ist wiederum ein Hinweis auf "weiter arbeiten", sich entwickeln, vielleicht neue Wege finden..
"positioning" heißt also nicht nur einen Zustand im Sinne von Status zu skizzieren, nicht etwas Statisches soll markiert werden, sondern Bewegung.
An Markierungspunkte ist zu denken, im Sinne von Ausgangspunkten zum Weitergehen. Um das erkennbar zu machen ist Kontinuität notwendig - Konstanten sozusagen, die Veränderungen und Entwicklungen sichtbar machen.
Konstanten mögen Genre, Techniken, Themen sein - Entwicklung und Fortschritt wird sich hier nur mühsam in stringenter Weise aufzeigen lassen.
Es sind vielmehr die Künstler, die für eine Galerie das bilden, was mit dem unschönen Begriff "human ressources" gemeint ist: neben dem lebendigen Diskurs, schaffen sie das, was auf einer so wichtigen Bühne der Kunst, der Galerie, inszeniert wird als fließende Standortbestimmung oder besser "Feldbestimmung", denn es sind hier ja zwölf "Künstler der Galerie", die so etwas wie ein Areal abstecken, gliedern und profilieren.
Seit Gründung der K4 Galerie hat sich kontinuierlich ein Kreis von "Künstlern der Galerie" gebildet. Zwölf sehr unterschiedliche künstlerische Charaktere fanden sich nach und nach auf einem "Spielfeld" zusammen, einer Bühne für ihre Werke, die der Denk- und Arbeitsweise der Künstler ein anregendes Forum bietet, eine adäquate Präsentation ermöglicht, eine Ebene um Schnittmengen und Bezüge auszuloten.
Dabei bilden die Intentionen der Künstlerinnen und Künstler drei unterschiedliche Bereiche, mit denen die eigenen Positionen umrissen werden und die in ihrer Summe auch die Position der Galerie bestimmt.
Diese Ausstellung inszeniert nicht nur die einzelnen Arbeiten, sondern auch ihre Bezüge untereinander, ihre Schnittmengen - ein Gesamtkontur der Galeriearbeit wird sichtbar.
Alex Gern, Helge Hommes, Lukas Kramer, Robert Stephan und Thomas Wojciechowicz beschäftigen sich mit der Frage, was ist in der Welt für das Subjekt Mensch wahrzunehmen und wie ist es für den Betrachter einer künstlerischen Arbeit wahrnehmbar zu machen, sei es visuell - mit Farbe und Linie - oder haptisch - in Struktur und Körper.
Im Mittelpunkt der Arbeit von Alex Gern steht die Farbe, nicht als Dienende sondern ihrer Wesenheit, die sich vornehmlich dann zeigt, wenn die Farbe als Materie auftritt, als etwas haptisch Erfahrbares, wobei die Masse der Farbe die Stärke gibt, ganz sie selbst zu sein, als sie selbst wahrnehmbar zu sein. Die Farbobjekte haben eine Anmutung die zum Berühren geradezu herausfordert.
Bäume, Stämme, Äste, Zweige sind das Thema von Helge Hommes - aber nur vordergründig. Die Bäume, zu denen Hommes eine starke Affinität besitzt, liefern die Grundlage um mit einem begrenzten visuellen Vokabular eine unendliche Fülle wahrnehmbarer Vorgänge offen zulegen. Die unabsehbare Vielfalt von Formen und Bewegungen, welche die dunklen Silhouetten der Äste und Stämme vor der hellen Folie des Himmels entfalten, übersetzt Hommes mit Farbe und Leinwand, verallgemeinert zu einer Wahrnehmung ohne Gegenstandsbezug.
Ist hier Hell - Dunkel als Ausgangspunkt bestimmend , so sind es bei Lukas Kramer Farbe und Farblicht. Die Farbe tritt hier überwiegend "materielos" auf, ist nur Licht, selbst dort, wo Tropfenbahnen auf die materiellen Eigenschaften verweisen. Dieses Farblicht in der unbegrenzten Zahl seiner Phänomene generiert Bewegung, Raum, Zeit.
Die beiden Bildhauer Thomas Wojciechowicz und Robert Stephan mögen verzeihen, wenn sie zusammen gewürdigt werden: auf verschiedene Arten mit ihrem Material Holz arbeitend, ist ihnen doch die Verbindung zwischen Visuellem und Haptischem gemeinsam. In der Materie spüren sie dem Potenzial ihres Stoffes nach, das in Masse und Körper lagert, legen sein Wesen offen, wobei Linie, Farbe, Licht und Bewegung verdeutlichend hinzutreten.
Mia Unverzagt, Nikola Irmer, Andrea Neumann, Stoll & Wachall kehren die Blickrichtung um und stellen sich die Frage, wie ist das Objekt Mensch wahrzunehmen, in seiner Körperlichkeit, in seinen Bezügen und in seinem Verhalten zu Umraum und Menschen.
Mia Unverzagt - zunächst - bereitet in ihren Arbeiten den Weg zur Wahrnehmung des Menschen selbst. Sie verstellt erst einmal den Blick auf das "Objekt" Mensch, verhindert die Sicht auf die Person, auf das Individuum unter Zuhilfenahme von Requisiten (Kittelschürze, Brille), die einerseits eine Fülle von Klischees, Vorurteilen, Einordnungen transportieren, andererseits - auch durch ihre Anmutung des Unzeitgemäßen - den Blick dahinter provozieren.
Nikola Irmer gewinnt das Bild des Menschen über einen Umweg. Auf den ersten Blick erschließen sich ihre Bilder scheinbar einfach: belanglos wirkende Szenen im Freien, Menschen beim Picknick und anderen Aktivitäten: ein flüchtiger Blick im Vorbeigehen... - dennoch ist eine Anmutung da, die irritiert - das Geschilderte wirkt vielschichtiger, über den Moment hinaus charakterisierender, analytischer. Irmer arbeitet mit Modellen, die sie scheinbar absichtslos, beiläufig agieren lässt und so schleicht sich ein unterschwelliges Posieren ins Agieren hinein, das viel über die Personen verraten kann - zuviel vielleicht, man denke an die Ablehnung von Rembrandts “Nachtwache” durch die Auftraggeber.
Andrea Neumann wählt einen etwas anderen Weg. Vereinfacht gesagt, sind ihre Bilder vom Menschen ein Konzentrat oder Surrogat von Szenen der Art, wie sie auch Irmer verwendet. Deutlicher noch als dort bleiben in Neumanns Bildern die Malspuren sichtbar, zeigt sich das Prozesshafte ihrer Arbeiten, in denen sich die Darstellung auf Chiffren verdichtet, die Wesentliches wahrnehmbar werden lassen, das auch im Farbklang transportiert wird.
Die Arbeiten von Stoll & Wachall thematisieren den menschlichen Körper. Sie sind weder Selbstbildnisse, welche die Person - auch im Ausschnitt - in ihrem Sosein zeigen, noch sind es Masken, die vorgeben, die Wahrheit zu sein. Es sind Kunstprodukte - oder künstliche Produkte - welche die artifizielle Perfektion bis zum absoluten Höhepunkt, kurz vor dem Umschlagen, treiben. Das Bild entlarvt sich als Oberfläche und lässt die Ahnung von der Existenz wahrer und wahrnehmbarer Körperlichkeit erwachen.
Hier ist die Fotografie "Hilfsmittel", bei den folgenden Künstler ist sie Gegenstand der Untersuchung.
Jens Titus Freitag, Thomas Bachler und Oliver Möst untersuchen die Verbindung zwischen dem Sehenden und dem Gesehenen und fragen, was tut das Licht und wie benutzt man das Licht um Bilder zu erzeugen, wie ist es zu verändern um an den Kern der Bilder zu gelangen.
Das Arbeiten von Jens Titus Freitag mit der camera obscura ist dabei die archetypische Form des Fotografierens - das Licht “schreibt”, “zeichnet” die optische Nachricht von den Dingen der Welt auf einen konservierenden Träger - der Wahrnehmungsweise des menschlichen Auges am nächsten. Die technischen Eingrenzungen - Fehlen des gestaltenden Objektivs, der Farbe, die Umkehrung von Dunkel und Hell - erzeugen die Anmutung von Stille, Bewegungslosigkeit, Zeitlosigkeit. Die Grundstrukturen dessen, was visuell wahrnehmbar ist, werden herauspräpariert: die ewige Objektivität der Dinge ohne den Menschen.
Auch Thomas Bachler benutzt die camera obscura. Er betont die Subjektivität des Sehens, der Sehvorgänge, des Sichtbaren, etwa wenn er Zimmer und Fenster als camera obscura gebraucht, zu deren Charakter das Außen gehört, das sich mehr verändert als das Innere, das Kontinuum. Noch subjektiver sind die "Tatort" - Arbeiten: ein Pistolenschuss macht aus einem geschlossenen Kasten eine camera obscura - erst mit der Verletzung öffnet sich das hermetische Innere - Außenwelt dringt ein - als Bild. Der "Täter", das Licht, hinterlässt eine Spur. Technik und Ästhetik verschmelzen miteinander.
In den Fotoarbeiten von Oliver Möst verschmelzen Objektivität und Subjektivität dann völlig. Seine Bilder von Städten, Landschaften, Straßen, Häusern, Kanälen sind in der irritierenden Unschärfe von Bewegung aufgenommen, versetzt oder ineinanderlaufend. Sie werden von objektiven Reportagen, von Bestandsaufnahmen zu subjektiven Zustandsbeschreibungen (des Fotografen) und damit wieder objektiv.
Der französische Regisseur Jean Luc Godard sagt: "Photographie, das ist die Wahrheit. Und der Film ist die Wahrheit 24 mal in der Sekunde" - und die Wahrheit ist zu sehen - heute und hier - mehr als 24 mal.
Wem das noch nicht genügt, dem sei noch folgendes gesagt:
"Die moderne Kunstliebhaberei hat an Dingen von solcher Charakteristik und Größe keinen Geschmack, will nur die armselige Natürlichkeit, in der sie lebt und atmet, weiß nicht, was sie mit den Urgestalten der alten Götterbilder oder denen des Alten Testaments anfangen soll.
Da somit in unseren Tagen das Schöne und erhabene der gemeinen Nützlichkeit weichen muß, so ist das Nützliche allen Schmuckes, den die Schönheit ihr geben soll beraubt, aller heimatliche reiz des Lebens ist verlorengegangen, als Opfer einer gemeinsamen Gemächlichkeit, so daß die Tungusen, Koräken und Mongolen, möchte ich sagen, mehr Kunstseinn und Geschmack zeigen als eure Geschmackslehrer, vor welchen ich aus Ekel entfloh.
Mache Dich reisefertig, um von der ehemaligen berühmten Weltbeherrscherinzu scheiden, wo das elende Kunstkommerz nur den Faulenzern aus ganz Europa die Zeit vertreibt." (Joseph Anton Koch: Moderne Kunstchronik. Karlsruhe 1834. Reprint-Ausgabe Leipzig 1984. Seite 68f)
Galerie wie K4 werden auch künftig helfen uns diese Reisen zu ersparen.
Michael Jähne
letzte Änderung: Freitag, 09.11.2007