Ullrich Kerker, Farblauf 2011, Gouache auf Bütten, 42 x 29,7 cm, Auflage: 100 Stück, einzeln signiert und nummeriert. Foto: Dirk Rausch

Ullrich Kerker, Farblauf 2011, Gouache auf Bütten, 42 x 29,7 cm, Auflage: 100 Stück, einzeln signiert und nummeriert 

Dirk Rausch, ohne Titel 2011, Siebdruck auf Papier, 42 x 29,7 cm, Auflage: 1000 Stück, einzeln signiert und nummeriert. Foto: Dirk Rausch

Dirk Rausch, ohne Titel 2011, Siebdruck auf Papier, 42 x 29,7 cm, Auflage: 1000 Stück, einzeln signiert und nummeriert 

Kerker, Rausch, "Bürgeraktie für Kunst & Gemeinwohl"

Letzte Änderung: 19/07/2012

zu ullrich kerkers ‘farbläufe‘


… ullrich kerker schreibt zu diesen arbeiten: "Dies ist eigentlich eine eher untypische Arbeit für mich; ich beschäftige mich als Grafiker und Radierer mehr mit der gezeichneten, geritzten, geätzten Linie, oft mit Liniengefügen; und diese sind zumeist von einer (Nicht-) Farbe, nämlich Schwarz.
Von einem Venedig-Aufenthalt angeregt, begann ich mit Farbmengen (in Wasser gelösten Gouachefarben) zu experimentieren. Diese brachte ich nicht mit dem Pinsel o.ä. aufs Papier, sondern ich versuchte, ein Fließen und Fluten der Farbe zu bewirken, indem ich das Papier durch unterschiedliche Handhabungen in die Flüssigkeit eintauchte und heraushob. Sichtbar bleiben die Spuren eines Farb-Meeres auf der lebendigen Oberfläche des kräftigen Büttenpapieres. kerker hat in diesem text feststellungen zu den aspekten des herstellens und darstellens seiner arbeiten getroffen. beim herstellen und darstellen werden wesentliche gestalterische handlungen vollzogen, die es zu unterscheiden gilt. dietfried gerhardus führt zum problem des zeigens sowie des herstellens und darstellens in konkreter kunst folgendes aus: "ich denke es kommt nicht nur der künstlerischen praxis, sondern genauso jeder auf diese praxis gerichteten theoretischen anstrengung zugute, sich ganz klar darüber zu werden, dass konkrete kunst nicht alles zeigt, was sie macht; sie macht vielmehr alles, um einiges sehr ausdrücklich zeigen zu können. denn, wo schlechtweg alles gezeigt wird, da kann am ende überhaupt nichts gezeigt werden. in den avanciertesten arbeiten konkreter kunst wird im akt des exemplifizierens das unter sach- und personenbezug gezeigte erst hervorgebracht und hergestellt, so dass daraufhin herstellen und darstellen eine bis heute kaum bemerkte picturalsprachliche symbiose eingehen. der artistische gegenstand wird dem ästhetischen gegenstand angenähert in der absicht, künstlerische produktion und ihr resultat und darauf bezogene sinnliche rezeption als zwei seiten derselben sache möglichst weitgehend miteinander zu verschränken. doch soviel lässt sich gleich festhalten: während das herstellen eines gegenstandes den gegenstand in all seinen teilen und einrichtungen umfasst, geht es beim darstellen immer darum, eine picturalsprachlich jeweils relevante auswahl vorzunehmen. diese selektion ist die voraussetzung, den eigens hervorgebrachten gegenstand unter eine bestimmte perspektive zu bringen, durch die er erst seine zeichenfunktion zu erfüllen vermag." (dietfried gerhardus: spontaneität und struktur. in: jo enzweiler, oskar holweck, sigurd rompza, klaus staudt/reliefs, ausstellungskatalog kimberlin exhibition hall. hg. dietfried gerhardus. saarbrücken 1986, s. 13)

zum herstellen lässt sich mit blick auf die arbeiten, ergänzend zu kerkers kurzen ausführungen, folgendes sagen. verwendung finden gouachefarben aus der tube, die in wasser in einem kanister unter kräftigem durchschütteln aufgelöst werden. die verflüssigte farbe wird anschließend in eine kunststoffwanne gegossen, in die die blätter aus büttenpapier getaucht werden. das eintauchen erfolgt derart, dass das blatt mit den händen an der linken und rechten seite gehalten wird, in der mitte leicht nach unten durchhängt und nur dort mit der färbenden flüssigkeit in kontakt kommt. beim herausnehmen läuft die farbe von dem blatt ab und bildet von blatt zu blatt unterschiedlich flächige und zum teil zusätzlich auch lineare gestalten. die blätter werden nun zum trocknen aufgehängt. die ablaufstelle der farbe ist so stets nur an einer blattkante angesiedelt. blätter, die nach dem trocknen flecke zeigen, werden aussortiert. die färbung des blattes ist auch durch die papierstruktur beeinflusst. aufgrund der starken verdünnung der farbe sind die blätter, um abrieb zu vermeiden, mit fixativ behandelt.
 
hinsichtlich des darstellens lässt sich feststellen: in den blättern sind stets große flächige formen in kontrast gesetzt. die formen besitzen aufgrund der besonderen weise des eintauchens in die farbe einen richtungsverlauf von links nach rechts und umgekehrt; am blattrand sind sie fest verankert. die linearen und flächigen formen umschließen weiße stellen des papiers, die abhängig von der sehweise des betrachters, auch zur figur werden können, ebenso wie die weißen stellen zwischen den farbigen formen und dem blattrand oben und unten nicht nur bildgrund darstellen sondern durchaus auch als figur gelesen werden können.


die formen sind organische formen, jedoch keine typischen fließformen; d.h. ihr richtungsverlauf ist nicht von oben nach unten festgelegt und ausgeprägte fließspuren werden vermieden. zum teil lässt sich in den blättern das herstellen im dargestellten nachvollziehen; herstellen und darstellen sind dann miteinander verschränkt. dies betrifft vor allem die eintauchhandlung, die in besonderer weise formbildend ist, ebenso wie das anschließende aufhängen des papiers mit dem ziel, es zu trocknen. die pastellhaftigkeit ist auf das starke verdünnen der farben zurückzuführen; so stehen die farbformen sehr leicht auf dem nur wenig gebrochenen weiß des papiers. kerker scheint es nicht darum zu gehen, fließen, d.h. materialäußerungen von färbenden mitteln zu zeigen; vielmehr verfolgt er zunächst einmal das ziel, mittels der besonderen herstellungsverfahren großflächige organische formen zu erfinden und deren verhältnis zum bildgrund zu thematisieren.

kerkers arbeiten sind teil der modernen kunstentwicklung. innerhalb dieser "… bietet sich das Terrain der Kunst seit Beginn dieses Jahrhunderts als ein Laboratorium dar, in dem die Voraussetzungen der Kunst, ihrer Elemente, Darstellungsregeln und möglichen Inhalte einer fortlaufenden, einer – wie Marcel Duchamp sagte – ‘ätzenden‘ Probe unterworfen wurden. Das Erscheinungsbild der Werke hat sich dabei grundlegend verwandelt, eine explosionsartige Vermehrung der Darstellungsformen hat stattgefunden, was ein abgegrenztes, komponiertes und auf sich selbst konzentriertes Bild war, findet sich als Objekt, als shaped canvas, als Installation, als Konzeptkunst odgl. wieder.
Die Malerei bastardisierte sich mit Bestimmungen, die man bis dahin dem Relief, der Skulptur, der Architektur zugeordnet hatte, die Verfransung der Gattungen betrifft alle in der Neuzeit bewährten Bildformen."(gottfried boehm: die wiederkehr der bilder. in: was ist ein bild? hg. derselbe, münchen 1994, s. 36/37)  für kerker gilt mit blick auf die ausführungen boehms, dass er an besonderen verfahren des herstellens arbeitet, die sich selbstverständlich auch auf das darstellen auswirken. an verfahren des fließens von färbenden mitteln wurde im 20. jahrhundert bereits mehrfach gearbeitet (u.a. jackson pollock, morris louis). kerker demonstriert hier jedoch eindrucksvoll, wie ein künstler durch das variieren bekannter verfahren zu neuen überzeugenden bildnerischen lösungen gelangen kann.

Sigurd Rompza
Aus: Portrait Ullrich Kerker. Zeichnungen, Druckgrafik 1978-1998. Herausgeber Jo Enzweiler. Saarbrücken 1998, S. 8-9Passerdifferenzen - zu den Siebdrucken von Dirk Rausch

 

 

Passerdifferenzen- zu den Siebdrucken von Dirk Rausch

Wie schafft sich der Künstler Ansichtsmodelle für eigene Vorstellungen, wenn er vom ausdrucksstarken aquarellierten Fleck kommen will; aus dem Stand sozusagen, zu größeren, homogeneren Farbflächen? Vorstellungen, die dem Nachdenken vorauseilen? Er ändert seine Visualisierungstechnik.

Exakte Planungen sind schon nach dem ersten Gedanken zum Scheitern verurteilt. Und doch, auch wenn er kein Systemkünstler ist: Es muss ein Vorhaben die Dinge in Gang gesetzt haben, nach dem mehr oder weniger systematischen Probieren. "Am meisten lerne ich durch die Varianten des Immergleichen." (Peter Handke "Gestern unterwegs")

Nennen wir das Vorhaben Neugier, den Gang in die leere Weite zu wagen; durch Sümpfe und schalltote Höhlen auf der Suche nach Echoräumen in Farben und Licht. Diesen Genuss am Sehen haben natürlich nur diejenigen, die die Welt in ihren Sinnen haben. Der künstlerische Genuss versteht sich nicht so einfach von selbst.

Dem Maler und Grafiker Dirk Rausch gelingen große, weiße Felder, trotz handlicher Bildformate, durch Farben, Farbbänder, Farbfelder, schlanke Farbflächen, so, als wären Ackerland und Wiesen in horizontaler Bewegung, sich überlagernd und verschiebend, transparentfarbig sich gegenseitig brechend und mit dem Format kokettierend. Spielerisch, einer Partitur, die beim Machen erst entsteht, folgend.

In der Mitte erscheint ein Nichts; ein großes, weißes Schneefeld z.B., oder ein in gebrochenem Mischfarbton hingelegter breiter Fleck. Klein. Wie ein "Ozean tabloid".
(Wenn Du lange genug hinschaust, hörst Du das leise Glucksen, das Plätschern, das zarte Rollen der Farb-Kiesel-Kugellager. Sedimente, abgesetzt an den Rändern.) Konzentrationen der herausgeschobenen, ungebrochenen Farben auf engstem Raum. Verdichtung visueller Ereignisse.

In der Mitte des Feldes, wo kein Anfang und kein Ende erlebt wird (zwar gesehen, aber nicht erlebt!), herrscht das Unbewegte.

Aber Vorsicht! Man unterschätze die subversiven Kräfte nicht; diese unendlich wichtigen Ungenauigkeiten, Passerdifferenzen, die Rechenfehler, die Synkopen und Dissonanzen. Die abrutschenden Flächen in der Hanglage, die wechselnden Grenzverläufe, die scheinbar fest gefügte Größen überlagernden Phänomene: farbiges Licht, farbige Schatten, Glanz und Ermattung.

Am hin- und her schwappenden Rand, in seinen Ausfransungen – dort ist das Leben in den reinsten, ungebrochenen Farben.

Heinrich Popp
Aus: Dirk Rausch – Randbetrachtungen. -Schriftenreihe des Maler-Zang-Hauses, Heft 4. Birkenfeld 2011, S. 1


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